Blog
Projektabnahme ist noch kein Projekterfolg
Projektabnahme ist noch kein Projekterfolg. Der aktuelle GPM-Rückblick auf Zwentendorf erinnert daran, wie weit diese beiden Zustände auseinanderliegen können: Das österreichische Kernkraftwerk war technisch fertig, ging nach der Volksabstimmung vom 5. November 1978 aber nie in Betrieb. 50,47 Prozent stimmten gegen die Inbetriebnahme.
Die Lehre ist nicht energiepolitisch. Sie ist eine Steuerungsfrage: Ein Projekt kann Scope, Termine und technische Abnahme erreichen — und dennoch am vorgesehenen Nutzen scheitern. In Zwentendorf fiel die entscheidende Akzeptanzfrage erst, als der größte Teil des Kapitals bereits gebunden war.
Fertig ist nicht wirksam
In IT-Projekten ist das Muster weniger spektakulär, aber häufig. Eine Migration ist technisch abgenommen, doch der Fachbereich umgeht den neuen Prozess. Ein Reporting-Produkt ist live, aber niemand nutzt es als Entscheidungsgrundlage. Ein Lieferant liefert die vereinbarte Funktion, während die operative Organisation weder Rollen noch Datenqualität für den Betrieb geklärt hat.
Drei Ebenen müssen deshalb getrennt gesteuert werden:
- Lieferobjekt: Was ist nachweislich gebaut, getestet und abgenommen?
- Betriebsfähigkeit: Wer übernimmt Prozesse, Daten, Support und Entscheidungen ab dem ersten Tag?
- Nutzen und Akzeptanz: Welches Verhalten oder welche Kennzahl soll sich ändern — und wer bestätigt das außerhalb des Projektteams?
Ich erlebe gerade bei komplexen Softwarevorhaben, dass die erste Ebene sehr präzise berichtet wird, während die beiden anderen in einer Schlussfolie verschwinden. Das verschiebt Risiken nur hinter den Go-live.
Die Nutzenprüfung gehört vor den Go-live
Die Volksabstimmung von 1978 lässt sich nicht mit einem IT-Steering gleichsetzen. Gerade deshalb ist der Fall als Denkmodell nützlich: Entscheider dürfen die Frage nach Legitimation, Nutzung und langfristiger Tragfähigkeit nicht bis zur letzten Abnahme aufschieben.
Praktisch heißt das: Für jedes zentrale Ergebnis braucht es früh einen Nutzen-Owner außerhalb des Projektteams, messbare Akzeptanzkriterien und einen Terminplan für Entscheidungen, die nicht technisch sind. In einer Migrations-Reconciliation prüft das Team nicht nur Soll- gegen Ist-Daten. Es dokumentiert auch, welcher Fachbereich die Daten im Zielprozess verantwortet und nach welchen Kriterien er die Nutzung freigibt.
Was Projektverantwortliche jetzt tun sollten
Ergänzen Sie Ihren nächsten Lenkungsausschuss um drei Fragen: Wer nutzt das Ergebnis ab wann? Woran messen wir den erwarteten Nutzen? Welche Entscheidung von außerhalb des Projekts kann die Wirkung noch stoppen? Wenn darauf nur technische Antworten kommen, ist die Abnahme weiter als die Steuerung. Die relevante Kennzahl ist nicht, ob das Projekt fertig ist — sondern ob sein Zweck im Betrieb tatsächlich beginnt.